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Der sechste Tag

Petrovićs größtes literarisches Anliegen in den USA ist der Roman Der sechste Tag . Jahrelang bemüht er sich um seine Veröffentlichung. Das Werk besteht aus zwei Teilen, deren tagebuchartigen Einträge chronologisch geordnet und von zahlreichen Rückblenden durchbrochen sind. Teil I, den Petrović 1935 in Belgrad zum Druck vorlegt, handelt in der Zeit vom 1. November bis 31. Dezember 1915 und ist dem verlustreichen Rückzug der serbischen Armee und Teilen der Zivilbevölkerung über Montenegro und Albanien an die Mittelmeerküste gewidmet. Teil II, der in den USA verfasst ist, spielt vom 9. Juni bis 18. November 1938 in einem akademischen Milieu in Washington, D.C. Der Hauptprotagonist beider „Bücher“ ist der 1898 in Belgrad geborene Stevan Papa-Katić. Beide Schauplätze bestücken auch Toni (Radmila) Popović, ihr amerikanischer Ehemann Jack Gordon, der in Teil I noch serbische Flüchtlinge betreut, und Mili (Milica), die Tochter von Tonis gleichnamiger Schwester Milica, die auf dem Rückzug über die Berge in einer verlassenen Hütte zur Welt kommt. Das serbische Buch erzählt die Leidensgeschichte des siebzehnjährigen Gymnasiasten Stevan, seiner Freunde (Smeđi Petar, Milan Tomić, Dragiša Stefanović) und zufällig auf der Flucht getroffener Personen. Die Er-Erzählung ist geprägt von Hunger, Verzweiflung, Tod, gelegentlich altruistischer Hilfe und, vor allem, feindseligen Gefühlen, die zwischen den Flüchtenden entstehen, da Nahrung und warme Schlafplätze knapp sind. Zu Beginn der Flucht, als Stevan noch in einem Lastwagen unterwegs ist, bleibt er in engem Kontakt mit seinen Belgrader Schulfreunden, später schlägt er sich allein über die schneebedeckten Berge durch. Die Gymnasiasten führen hitzige Diskussionen über Liebschaften, Rivalitäten, sozial-ethische Grundsätze und literarische Werke und kommen dabei immer wieder auf Stevans Familie zu sprechen, die für alle voller Rätsel ist: der Selbstmord des Vaters „Irac“ fünf Monate vor Stevans Geburt, die Schönheit der Mutter Marica, von der Milan Rakić oder Jovan Dučić dichtete und von der auch Stevan Džamić, der beste Freund des Vaters, geblendet war, oder der auf dubiose Weise erlangte Reichtum des Großvaters Papa-Katić, der sich gegen Iracs Vermählung mit der emanzipierten Marica stellt und dessen Namen Stevan auf dem Fußmarsch nicht erwähnt, um nicht privilegiert behandelt zu werden. Weitere Handlungslinien bilden die biblisch anmutende Ehe zwischen Jovan und Milica Tasić, die Geburt ihrer Tochter Mili in den Bergen, deren Vater möglicherweise nicht Jovan, sondern Stevan Džamić ist, das vergebliche Werben von Stevans Freund Dragiša um Milicas Schwester Toni (Radmila) Popović, die von einem Flößer von der Tara (Mišo) vergewaltigt worden ist, den der Advokat Džamić verteidigt, wie auch die zufälligen Kontakte zu anderen Flüchtlingen. Manche Ereignisse und Gedankengänge schildert der Autor in Form eines „Bewusstseinsstroms“, wie er bei James Joyce, Virginia Woolf und, in Ansätzen, bereits bei Bora Stanković zu finden ist. Dabei versetzt sich der Erzähler nicht nur in die zentralen Protagonisten, sondern auch in episodische Nebenfiguren. Über Seiten hinweg berichtet er aus der Perspektive einer hungrigen, von ihrem Rudel getrennte Wölfin, die auf ihrer Flucht auf undurchdringliche Soldatenreihen stößt, bis sie sich schließlich in ein bewaldetes Gebirge retten kann. Wie die Szene mit der Wölfin oder die Episode mit dem Hund, der den erschöpften Stevan wie ein hungriger Schakal verfolgt, bis ihn dieser erdrosselt, besonders eindrücklich nahelegen, schreibt der Autor der Natur eine personifizierte, mystisch-ambivalente Rolle zu. Sie ist Ort tiefer menschlicher Sehnsüchte wie sie auch Ort existenzieller Bedrohung ist. So steht die weiße Bergwelt für den unerbittlichen Kältetod ebenso wie für die Anziehungskraft des weiblichen Körpers, oder symbolisieren die im Schnee blendende Mittagssonne, die einbrechende Winternacht, die blutige Geburt in der Berghütte, das Leiden der erfrierenden Pferde und der entkräftete Hund den zyklischen Lauf des Lebens und Sterbens, der zugleich in einem kosmischen Ganzen aufgehoben ist. Im amerikanischen Buch ist Stevan vierzig Jahre alt und lebt seit zwei Jahrzehnten in den USA. Vom ererbten Reichtum seines 1916 in einem ungarischen Lager umgekommenen Großvaters befreit er sich sogleich nach der Überfahrt, indem er sämtliche Fabriken, Wirtshäuser, Ländereien und Wertpapiere verkauft und eine Stiftung zur Förderung der Wissenschaften gründet, die den Namen des verhungerten Freundes Smeđi Petar trägt. So muss er sich die ersten Jahre als Hilfsarbeiter durchschlagen, bis er das Geld für sein Studium wieder zusammenhat. Als diplomierter Paläonthologe macht er dann schnell Karriere, wird Professor der Washingtoner Universität und erhält den Nobelpreis. Der Ruhm hindert ihn jedoch nicht daran, seine bescheidene und zurückgezogene Existenz weiterzuführen. Erst als er Jack Gordon kennenlernt, den Vater seines Studenten Bill, verändert sich sein Leben. Jack lebt mit Toni, die er im Ersten Weltkrieg auf der Flucht nach Albanien kennengelernt hat, in zweiter Ehe, aus der Lari hervorgegangen ist. Neben Bill, dessen Mutter früh verstarb, lebt im Haus, in dem die beste Gesellschaft Amerikas verkehrt, auch Mili, die Tochter von Tonis Schwester Milica. Von Toni erfährt Stevan, dass Milica in Podgorica ihren Blutungen erlag, Milicas Mutter den Säugling versorgte, bis sie selbst in Skadar starb, und dass sich Milicas Ehemann Jovan Tasić, der nach Elbasan geflüchtet war, auf dem Schiff befand, das zwischen Korfu und Marseille versenkt wurde. Da nur Toni überlebte, nahm sie sich der Vollwaisen Mili an. Kurz bevor sie Jack heiratete, traf sie noch einmal Dragiša, dessen Liebe für sie noch nicht versiegt war. Von ihm liest Stevan in einem amerikanischen Blatt, dass er Funktionär der Regierungspartei geworden ist, während Džamić mit der Kroatischen Bauernpartei (HSS) verhandelt, um die Opposition des Landes zu einen. Stevan verliebt sich in Mili, bei deren Geburt in den Bergen er assistiert hatte. Die beiden heiraten und erwarten am Ende, als Stevan stirbt, ein Kind. Stevan wird zufälliges Opfer einer Hirschjagd an einem See, an dem er Mili zum ersten Mal umarmte. Als er im Sterben liegt, halluziniert er, er spiele mit seinen Belgrader Freunden Krieg, in dem ihm die Rolle des erlegten Hirsches zukommt. Auch das Lied, das er kurz zuvor noch gesungen hat, versetzt ihn in die Kindheit und – weiter – in die Zeit der „alten Slawen“ zurück (5:619). So schließt sich für ihn der Lebenskreis, wie mit ihm auch der Autor zu seiner frühen Begeisterung für die mythische Welt der Slawen zurückkehrt. 1935 hatte der Verleger Geca Kon das „Erste Buch“, das noch den Titel „Acht Wochen“ trug, mit der Befürchtung abgelehnt, aus der finsteren Darstellung des serbischen Rückzugs könnten unerwünschte politische Schlüsse gezogen werden. Kon stützte sich auf Slobodan Jovanović (7:286), der überzeugt war, „dass die albanische Tragödie an bestimmten, vielleicht sogar mehreren Stellen auf eine zu finstere, sozusagen defätistische und für die serbische Armee diffamierende Weise gezeigt werde“ (2:274). Ljubica Luković erzählt über dieses fatale Urteil: „Da Rastko unsere albanische Tragödie wahrheitsgetreu, in schwarzen Farben, darstellte, schauderhaft, wie es für das serbische Volk war, rieten die Rezensenten dem Herausgeber, das Manuskript Rastko zurückzugeben, damit er gewisse Kürzungen und Änderungen vornehme, was er auch tat. Einer dieser Rezensenten, der angesehene Professor Slobodan Jovanović, der Rastko eigentlich wohlgesonnen war, sagte ihm, er würde besser nicht ins Land zurückkehren, sollte dieser Roman, der später Der sechste Tag heißen wird, so gedruckt werden“ (4:89). Tatsächlich finden sich im Text unverhohlen „defätistische“ Passagen. Gleich zu Beginn, als Stevan Papa-Katić die ersten Eindrücke seiner Flucht verarbeitet, heißt es: „Hunderte Millionen von Menschen sind von einer einzigen halluzinatorischen Idee befangen: irgendwie am Leben zu bleiben. Sie marschieren, marschieren im schmelzenden Bleiregen. Sie kommen in einer Nacht wie dieser irgendwo an, ohne die Menschen neben sich und vor sich zu sehen; sie rennen, werfen Bomben, ächzen atemlos, schießen, stechen, fallen in den Dreck, verstreuen ihr Blut und ihr Gedärm – in Nächten wie dieser, ohne etwas zu sehen, ohne zu wissen, wen sie töten oder von wem sie vielleicht getötet werden, ohne zu wissen, wo sich alles zuträgt...“ (5:20). Der Text kommt auch ohne jegliches Nationalpathos aus. Zwar wird weder verschwiegen, dass österreichische Truppen die Linien der sich zurückziehenden, hungernden serbischen Soldaten zu durchbrechen versuchen, unterstützt von Albanern, die von den Höhen herunterschießen, noch dass am Meer feindliche Bomben auf Flüchtlingsunterkünfte und Rettungsschiffe fallen, doch handelt es sich hierbei um sporadische, fast beiläufige Beobachtungen. Und von erfolgreichen serbischen Manövern und heroischen Gesten ist nicht einmal andeutungsweise die Rede. Im Zentrum des Romans stehen Elend, Hunger, Erschöpfung, Verzweiflung, Typhus, Tod – Schicksale, welche die flüchtende Zivilbevölkerung mit den serbischen und gefangenen österreichischen Soldaten gleichermaßen teilt. Auch der Seite, die den Flüchtenden Obdach gewährt, gehören Menschen unterschiedlicher ethnisch-religiöser Herkunft an: Albaner, Montenegriner, Katholiken, Muslime, Orthodoxe, Italiener. Der zunehmende Verfall der Moral hingegen wird aus der Perspektive des flüchtenden Stevan und folglich ausschließlich in den eigenen Reihen thematisiert. Diesen moralischen Niedergang beobachtet Stevan vor allem an sich selbst: je hungriger und erschöpfter er ist, desto weniger ist er bereit, die verbliebenen Vorräte mit den anderen zu teilen. Der Zenit dieses moralischen Niedergangs fällt symbolhaft auf den „letzten Tag des Jahres 1915“ (5:441). Der Hass zwischen zwei Gefährten, mit denen Stevan gemeinsam ein notdürftiges Obdach errichtet hat, steigert sich bis zum Mord: ein namenloser „Ackermann“ (ratar), in dem leicht Kain zu erkennen ist, ersticht einen „Wollhaarigen“ (vunjasti), ohne dass der entkräftete Stevan einzuschreiten vermag. Teil I endet mit den Worten: „Doch niemals mehr, Brüder... Niemals... Niemals!“ (5:450). Im Manuskript der englischen Übersetzung aus dem Archiv des Nationalmuseums ist dieser Ausruf noch deutlicher gesetzt: „But never again will men be my brothers... never... never!“ (p. 318). Teil II bringt das biblische Motiv des „Brudermords“ mit dem amerikanischen Bürgerkrieg zusammen, an den Bill Gordon denkt, als er im Gebiet des Henry House Hills wandern geht: „Sie zerfetzten sich, Hass und Zorn im Herzen, zwei Brüder, zwei Freunde, eine zweifache Jugend, eine zweifache Zukunft, an dieser Stelle, unter diesen Sternen, zwischen diesen Bergen. Und dann lagen sie umschlungen, friedlich, lächelnd, als flüsterten sie einander zärtliche Dinge über ihre Geliebten zu, als schützten sie einander vor dem Feind, vor dem Bösen. Von heute bis in alle Ewigkeit. Und doch sind sie gefallen, fürs selbe Land, zur selben Stunde“ (5:498). Die historische Szenerie, die mit Mišos Mord an Toni Popovićs Haushälterin assoziiert ist, die der Flößer Mišo leidenschaftlich liebte, kontrastiert mit Bill Gordons Vorstellung von der Einheit aller Lebewesen, zu der er beim Besuch eines Indianerreservats inspiriert worden ist. Diese kosmische Erfahrung geht Bills Gedanken vom Bürgerkrieg unmittelbar voraus: [...] und dann schloss er die Augen, lachte in sich hinein, voller Liebe zu diesem Land, zu den Sternen [...], zu den Insekten, zur Luft, zu sich selbst. Er fühlte seinen Körper als Teil von allem, das ihn umgab (5:497). Eine ähnliche Erfahrung macht auch der sterbende Stevan. Er wird nicht nur in die Belgrader Kindheit und in die Zeit der „alten Slawen“ zurückversetzt, er empfindet sich auch als Hirsch, „den die Jäger auf dem Berg erlegten“ (5:621). Dieses innere Bild geht am Romanende auf seine Frau Mili über, der man Stevans Leichnam auf einem Lastwagen bringt: Doch das erste, was sie sah, war ein toter Hirsch mit einem wunderbar gewundenen Geweih, feuchten Augen und dunklen Nüstern (5:622) Mili sieht, was Stevan im Tod erfährt und was Bill unter den nordamerikanischen Indigenen erlebt: die Allverbundenheit des Menschen mit der Natur und dem Kosmos. Quelle: Rastko Petrović, "Der sechste Tag. Gedichte und Prosa", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, Eingeleitet und aus dem Serbischen übersetzt von Robert Hodel

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Leute reden

1931 schlägt Petrović dem Verleger Geca Kon ein Werk zum Druck vor, das wichtige Ideen seines gemeinsam mit Ristić verfassten Essays „Heliotherapie der Aphasie“ aufnimmt und poetisch umsetzt: Leute reden . Kon akzeptiert den Druck unter der Bedingung, dass drei Personen garantieren, für ein mögliches Defizit aufzukommen. Unter den Unterzeichnenden ist wiederum Aleksandar Deroko. Kons Vorsicht ist nachvollziehbar: Der 70-seitige Text ist ein Gemisch aus Reisebericht, lyrischer Prosa und Essayistik und hat keine übergreifende Handlungsentwicklung. Die ersten zwei Teile setzen sich aus kurzen, scheinbar belanglosen Alltagsgesprächen unbedarfter Menschen zusammen, die ein Fremder zufällig an einem See trifft, und im dritten, in der Nacht spielenden Teil ergeht sich der Autor in hochmetaphorischen, lyrischen Exkursen, philosophischen Erörterungen und reinen Lautreihen. Die Wiederholung scheinbar nichts sagender, banaler Floskeln und Gespräche evoziert eine graue und träge Alltäglichkeit, der die Seeanwohner vergeblich zu entfliehen versuchen. Die Geburt eines Kindes am Ende des Textes unterstreicht nur noch die zyklische Einförmigkeit des Lebens. Und dennoch wird die Inselwelt, auf der sich unter der Oberfläche unausgesprochene Tragödien abspielen, zum Symbol des Menschlichen überhaupt, wie auch zum Versuch des Reisenden, sich mit ihrem schlichten Leben zu identifizieren. Die perpetuierende Form der Gespräche wird damit zur eigentlichen Aussage des Romans: sie manifestiert den Willen, sich mit dem zyklischen Lauf des Werdens und Sterbens auszusöhnen. In der vordergründigen Eintönigkeit und Vergeblichkeit der alltäglichen Verrichtungen scheint eine Schönheit auf, die ihre Quelle in der Akzeptanz der unprätentiösen Schlichtheit des Alltags hat. Im Versuch des Fremden, seine Existenz im Einklang mit den Seeanwohnern zu denken, verabschiedet sich Petrović nicht nur persönlich von der Idee des außergewöhnlichen Lebens, es ist auch ein Abschied vom modernistischen Geniekult. Der Autor nähert sich einer Literatur an, die in den dreißiger Jahren Schriftsteller wie Jarosław Iwaszkiewicz ( Die Mädchen vom Wilkohof , 1932), Karel Čapek ( Hordubal, Ein gewöhnliches Leben, Der Meteor, 1933-34), Ladislav Vančura ( Drei Flüsse , 1936), Ivo Andrić oder die italienischen Neorealisten (Alberto Moravia, Elio Vittorini, Cesare Pavese) vertreten – eine Literatur, die im Bewusstsein der Avantgarde zum Mimetischen, Narrativen, Profanen und zur alltäglichen Sprache zurückkehrt. Vinaver vergleicht das „kleine und geniale Buch“<sup class="footnote" data-tooltip="Stanislav Vinaver, „Ljudi govore Rastka Petrovića“, Beogradsko ogledalo, Dela Stanislava Vinavera, knj. 9, priredio Gojko Tešić, Beograd: Službeni glasnik; Zavod za udžbenike, 2012, 134.">1</sup> mit einer griechischen Tragödie – ein Vergleich, bei dem das „redende“ Volk zum Thespis-artigen Chor wird, dem der fremde Reisende als einziger Schauspieler in der festen Absicht gegenübersteht, sich ihm anzunähern. Diese Identifikation suggeriert auch der autopoetische<sup class="footnote" data-tooltip="Predrag Petrović. Avantgardistischer Roman ohne Roman (Avangardni roman bez romana; Belgrad 2017, 225). P. Petrović erwähnt hier auch Miloš Crnjanski, der in Bei den Hyperboreern (Kod Hiperborejaca) von R. Petrovićs Roman spricht: „Um sie zu erheitern, verspreche ich ihr, sie an zwei nahegelegene Orte mit den Namen ’Große und Kleine, Maiori – Minori’, zu führen. Mir scheint, sie finden sich in einem Buch, das unser Freund Rastko in Italien geschrieben hat“ (ebd., S. 245).">2</sup> Vergleich mit der Biene, deren eingesammelter Nektar zu Honig, wie die Rede der Leute zum Romantext wird: „Was für eine Arbeit!“, meint der Erzähler, der sich in eine Blumenwiese gelegt hat, „so möchte ich einmal schaffen, die besten Reichtümer um mich herum sammeln und sie in etwas vollkommen Homogenes verwandeln können“ (12:162). Der Roman wird im ganzen Land breit rezensiert. Im Jahrbuch ... (1931, IV-V, s. 145) schreibt Todor Manojlović: „Als Rastko Petrović vor zehn Jahren seine Burleske ... veröffentlichte, spürte man, dass ein Dichter auftrat, der uns etwas Eigenes und Neues zu sagen hatte. Ein Jahr später hat sich uns in seinen Offenbarungen ein sehnsuchts- und gedankenvolles Antlitz unserer modernen Poesie gezeigt. Heute, in Leute reden , hat diese Poesie etwas von ihrem Tiefsten und Edelsten ausgesprochen und ausgeformt.“ Dragan Aleksić, der Petrović einen „emotionalen Humanismus“ (emocionalni humanizam), gebunden an einen „kosmischen Fatalismus“ ( kosmički fatalizam ), attestiert, hebt in der Zeit (16.5.1931, s. 6) hervor: „Rastko Petrović macht durch die instinktiv ausgedrückten Gefühle und die Gedanken der gewöhnlichsten Menschen einen Schnitt, einen Durchschnitt durch das Leben. Aus ihm erwächst eine Kraft, geschaffen aus Ohnmacht, Verpflichtung und prometheischer Gebundenheit an die lebendige Erde, Lokalität und Sitte. Und darin liegt das Geheimnis des Lebens und des Schaffens: Reisende schaffen nicht, Nomaden bauen nicht. Indem der Mensch an die Erde gefesselt ist, schafft er Werte. Wie tragisch dies auch erscheinen mag, liegt darin dennoch ein Zeichen der Heiterkeit. Das menschliche Schicksal ist bestimmt durch das Verhältnis zwischen dem Flug der Phantasie und den Beschränkungen des Instinkts.“ Quelle: Rastko Petrović, "Der sechste Tag. Gedichte und Prosa", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, Eingeleitet und aus dem Serbischen übersetzt von Robert Hodel

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Der sechste Tag. Gedichte und Prosa

Die Anthologie „Der sechste Tag“ von Rastko Petrović versammelt zentrale Gedichte, Prosatexte und Auszüge aus dem gleichnamigen Roman. Sie bietet damit einen konzentrierten Einblick in das Werk eines der wichtigsten Autoren der serbischen Avantgarde. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Erfahrung von Krieg, Flucht und existenzieller Grenzsituation – insbesondere die traumatische Flucht über Albanien während des Ersten Weltkriegs, die im Roman „Der sechste Tag“ literarisch verdichtet wird. Daneben treten expressionistisch geprägte Gedichte, mythologisch grundierte Prosastücke und Reiseprosa, die von Petrovićs kosmopolitischem Leben zwischen Belgrad, Paris und später Washington zeugen. Die Texte oszillieren zwischen ekstatischer Lebensbejahung und der Erfahrung radikaler Zerstörung; Körperlichkeit, homophile Erotik, Tod und metaphysische Sehnsucht stehen oft dicht nebeneinander. Ein roter Faden, der sich durch die Anthologie zieht, ist die Suche nach einer neuen, postheroischen Humanität nach dem Zusammenbruch der alten Weltordnung. Geschichte erscheint nicht als kollektiver Mythos, sondern als Tragödie des Einzelnen. Gleichzeitig arbeitet Petrović mit slawischer Mythologie, archaischen Motiven und avantgardistischer Formzersetzung, wodurch Vergangenheit und Moderne ineinandergreifen. Immer wieder kehrt die Frage zurück, wie sich individuelle Existenz, nationale Identität und universaler Humanismus zueinander verhalten. Der Herausgeber und Übersetzer Robert Hodel stellt in seiner ausführlichen Einleitung eine enge Verbindung zwischen Leben und Werk her. Er zeichnet Petrovićs Biographie nach – das künstlerisch-politische Elternhaus in Belgrad, die Verluste im Krieg, das Exil, die Pariser Avantgarde-Begegnungen mit Breton, Éluard oder Picasso – und zeigt, wie diese Erfahrungen direkt in Motive, Themen und Stilformen der Texte eingehen. Hodel gelingt es, biographische Fakten nicht bloß referierend darzustellen, sondern als interpretativen Schlüssel zu nutzen: Die existenziellen Brüche des Lebens spiegeln sich in der formalen Kühnheit und stilistischen Radikalität der Texte. Insgesamt präsentiert das Buch Petrović als Grenzgänger zwischen Nationalliteratur und europäischer Moderne. Der Band macht sichtbar, wie eng persönliche Erfahrung, historische Katastrophe und avantgardistische Ästhetik bei ihm miteinander verwoben sind – und wie aus dieser Spannung eine bis heute eindringliche, vielschichtige Literatur hervorgegangen ist. Rastko Petrović (geb. 1898 in Belgrad, gest. 1949 in Washington): War der neunte Sohn seines Vaters Dimitrij, eines Historikers, und seiner Mutter Mileva, einer Lehrerin. Rastko war der jüngere Bruder der bekannten Künstlerin Nadeshda Petrović. Die Familie Petrović war in Belgrad sehr bekannt und angesehen. In seiner frühen Kindheit verlor er seine Mutter und wurde von seinen Schwestern aufgezogen. Von 1905 bis 1914 besuchte er die Grundschule und die unteren Klassen des Gymnasiums in Belgrad. Auf dem Höhepunkt des Balkankrieges 1912 brach er die Schule ab. Im Ersten Weltkrieg ging er zunächst als Freiwilliger an die Front, durchquerte Albanien und zog nach Frankreich, wo er das Gymnasium in Nizza abschloss und als Stipendiat der französischen Regierung an der juristischen Fakultät in Paris studierte. In Paris traf er viele Dichter und Künstler und pflegte Austausch mit ihnen. Er schrieb Gedichte, Erzählungen und Berichte über Kunstausstellungen. 1921 veröffentlichte er den einzigartigen komischen Roman über das Leben der alten Slawen mit dem Titel „Burlesque des Herrn Perun, des Gottes des Donners“. Ende 1922 veröffentlichte er den Gedichtband „Offenbarung“. Während all dieser Jahre arbeitete er in Belgrad aktiv mit zahlreichen Autoren wie Milan Dedinac, Marko Ristić, Tin Ujević und anderen zusammen. Ihr Schaffen legte den Grundstein für den Surrealismus in Serbien. Später arbeitete er als Sachbearbeiter im Außenministerium und wurde Ende 1923 als Assistent eingestellt. Im Oktober 1926 wurde er zum Beamten in der Vertretung des Außenministeriums im Vatikan unter der Leitung von Milan Rakić ernannt. Rakić ermöglichte ihm Reisen durch Italien, Spanien, Frankreich und die Türkei und vor allem durch Afrika. So erschien 1930 sein großer Reisebericht mit dem Titel „Afrika“. 1935 wurde er zum Vizekonsul sechsten Ranges im Generalkonsulat Chicago ernannt. 1936 zog er nach Washington, um dort als Sekretär der Botschaft zu arbeiten. Er bereiste die USA, Kanada, Mexiko und Kuba. Während des Zweiten Weltkriegs blieb er in den USA, schrieb Gedichte für die Sammlung „Mitternächtliche Werke“. Im Alter von 51 Jahren starb er am 15. August 1949 plötzlich an einer Krankheit in Washington. Er wurde auf dem Friedhof Shady Creek in Washington beigesetzt. 1986 wurden seine sterblichen Überreste nach Belgrad überführt. Robert Hodel: geb. 1959 in Buttisholz (Luzern), studierte Slavistik, Philosophie und Ethnologie in Bern, Sankt Petersburg, Novi Sad und Prag. Seit 1997 ist er Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Seine Übersetzungen und Biographien sind mit dem Petropol-Preis der Stadt Petersburg (2015), der Goldenen Verdienst-Medaille der Republik Serbien (2021) und dem serbischen Slawistenpreis (2025) ausgezeichnet worden. Eingeleitet und aus dem Serbischen übersetzt von Robert Hodel

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Der Bergkranz

Der Bergkranz von Petar II Petrović Njegoš ist eines der bedeutendsten Werke der südslawischen Literatur. Um das Werk besser zu verstehen, sollte man die historischen Verhältnisse unter der osmanischen Herrschaft und die inneren Beziehungen der damaligen montenegrinischen Gesellschaft berücksichtigen. 1. Historischer Rahmen des Werkes Gorski vijenac erschien 1847 und gilt als eines der bedeutendsten Werke der südslawischen Literatur. Die Handlung ist im 17. Jahrhundert angesiedelt, in einer Zeit osmanischer Herrschaft auf dem Balkan, und thematisiert die Ereignisse, die unter der Bezeichnung „Istraga poturica“ bekannt sind – einen inneren Konflikt innerhalb der montenegrinischen Gemeinschaft. Dieses Motiv lässt sich nur im breiteren historischen Kontext verstehen, in dem es entstand. 2. Das osmanische Staatssystem und die Religionszugehörigkeit Im Osmanischen Reich war Religion nicht nur eine persönliche Glaubensfrage, sondern zugleich eine rechtlich-politische Kategorie. Die Bevölkerung war nach Religionsgemeinschaften organisiert (Millet-System), und diese Zugehörigkeit bestimmte Steuern, Rechte und gesellschaftlichen Status. Christliche Untertanen zahlten eine Sondersteuer (Dschizya) und hatten keinen Zugang zu den höchsten militärischen und administrativen Ämtern. In früheren Jahrhunderten existierte zudem die Praxis der Devşirme („Knabenlese“), bei der Jungen für den Staatsdienst rekrutiert wurden. Der Übertritt zum Islam bedeutete die vollständige Integration in das staatliche System – ohne Sondersteuer und mit der Möglichkeit einer militärischen oder administrativen Laufbahn. Islamisierte Angehörige der lokalen Bevölkerung konnten somit Teil der Herrschaftsstrukturen werden. 3. Der innere Konflikt und die „Istraga poturica“ Als ein Teil der orthodoxen Bevölkerung nach politischer Freiheit und nach einem Ende der osmanischen Herrschaft strebte, erfasste dieser Prozess zwangsläufig auch Mitglieder derselben Gemeinschaft, die mit der bestehenden Ordnung verbunden waren. Der Konflikt, den Njegoš im Bergkranz (Gorski vijenac) thematisiert, lässt sich daher nicht auf eine einfache religiöse oder ethnische Gegnerschaft reduzieren. Es handelt sich vielmehr um einen komplexen historischen Konflikt innerhalb derselben ethnischen und sprachlichen Gemeinschaft, in dem religiöse Zugehörigkeit, politische Loyalität und historische Umstände eng miteinander verflochten waren. Auf diese Komplexität wies auch Ivo Andrić hin: „Es war nicht nur ein Konflikt zwischen zwei Glaubensbekenntnissen, Nationen und Rassen, es war ein Zusammenprall zweier Elementarkräfte, des Ostens und des Westens, zweier Nationen; unser Schicksal aber wollte es, dass dieser Kampf hauptsächlich auf unserem Territorium ausgetragen wurde und seine blutige Wand unsere nationale Einheit halbieren und entzweien konnte. In diesen Kampf der Elementarkräfte waren wir alle hinausgeschleudert und geworfen, und wer sich auf welcher Seite auch fand, kämpfte auf dieser Seite mit der gleichen Sinnzuschreibung, dem gleichen Heldenmut und dem gleichen Glauben an den gerechten Kampf seiner Seiche.“ (Übersetzung: Dr. Olga Ellermeyer-Životić ) In diesem Sinne kann der Bergkranz nicht als bloße Rechtfertigung von Gewalt gelesen werden, sondern vielmehr als literarische Reflexion über tragische historische Spaltungen und schwierige Entscheidungen in einer Zeit imperialer Herrschaft. 4. Literarische Bedeutung und künstlerischer Wert In künstlerischer Hinsicht schuf Njegoš, gestützt auf die Tradition der Volksdichtung und beeinflusst von zeitgenössischen europäischen Strömungen, eine einzigartige dichterische Form, in der sich Elemente von Lyrik, Drama und Epos miteinander verbinden. Ausgehend von einem historischen Motiv entfaltet sich das Werk zu einem umfassenden Bild der montenegrinischen Vergangenheit, aber auch des Alltags, der Mentalität und der geistigen Erfahrung einer Gemeinschaft. Es zeigt zugleich die Begegnung unterschiedlicher Welten – lokaler Traditionen und europäischer Einflüsse, von Ost und West — und überschreitet damit den engen historischen Rahmen. In den Dialogen und meditativen Passagen verbinden sich christliches Denken, philosophische Reflexion und kraftvolle kosmische Symbolik. Gorski vijenac wird damit zu mehr als einer historischen Dichtung: zu einer poetischen Synthese kollektiver Erfahrung in höchster künstlerischer Form. 5. Das Jahr 1847 und „Vuks Sieg“ Das Jahr 1847, in dem Gorski vijenac in der Volkssprache gedruckt wurde, gilt zugleich als „Vuks Sieg“, da in diesem Jahr mehrere Schlüsselwerke in der reformierten serbischen Schriftsprache erschienen. Damit wurde die Sprachreform von Vuk Stefanović Karadžić endgültig bestätigt und gefestigt. *Ivo Andrić: Njegoš als tragischer Held des Kosovo-Gedankens

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Gedichte

Dis’ Poesie zeichnet sich durch das Eindringen in die Sphären des Irrationalen und das Verschmelzen von Traum und Wirklichkeit aus. "Utopljene duše (1911) Utopljene duše (Ertrunkene Seelen) ist der erste und bedeutendste Gedichtband von Vladislav Petković Dis und eines der zentralen Werke der serbischen Moderne. Die Sammlung erschien 1911 und stieß bei ihren Zeitgenossen auf heftige, oft ablehnende Reaktionen: Sie wurde als zu düster, dekadent und pessimistisch wahrgenommen. Mit zeitlichem Abstand jedoch erkannte man sie als authentischen Ausdruck der geistigen und existenziellen Krise zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In diesen Gedichten entwickelt Dis seine charakteristische symbolistische Poetik, getragen von Motiven des Traums, der Nacht, der Dunkelheit, des Todes und der Ahnung. Seine Lyrik bietet keinen Trost, sondern legt Zeugnis ab von innerer Unruhe, Verlorenheit und der Ohnmacht des modernen Menschen. Gerade hinter diesem dunklen Ton jedoch tritt eine tiefe Emotionalität und menschliche Verletzlichkeit hervor, die Utopljene duše zu einem dauerhaft bedeutenden Werk der serbischen Literatur machen. "Wir warten auf den Kaiser" (1913) Die Gedichtsammlung Wir warten auf den Kaiser ist der zweite Band von Vladislav Petković Dis und erschien erstmals 1913 in Belgrad. Sie enthält sechzehn Gedichte, die in vier Zyklen angeordnet sind und ein eindrucksvolles Zeugnis der politischen und militärischen Umbrüche jener Zeit ablegen. Im Unterschied zu den introspektiven und symbolistischen Tönen von Utopljene duše reagiert diese Sammlung stärker auf das konkrete historische Umfeld der Balkankriege. Dis’ Poesie nimmt hier ein lauteres und kollektiveres Sprachbild an: Sie reflektiert Patriotismus, Kriegserfahrungen, Angst, Verlust und das Warten auf eine ungewisse Zukunft. Die Gedichte zeigen, wie der Dichter die großen historischen Ereignisse seines Landes in lyrische Sprache überträgt – ohne einfachen Triumph, vielmehr mit gespannter Erwartung, innerem Konflikt und menschlicher Verletzlichkeit im Zentrum. Gedichte außerhalb der veröffentlichten Gedichtsammlungen Naši dani (Unsere Tage) ist ein Gedicht von Vladislav Petković Dis, das außerhalb seiner Gedichtsammlungen steht. Darin bringt der Dichter ein starkes Gefühl gesellschaftlicher und moralischer Krise zum Ausdruck. Das Gedicht spricht von Werteverlust, geistiger Leere und Heuchelei der Zeit, in einem nüchternen, düsteren Ton. Među svojima (Unter den Seinen) entstand 1916 im Exil und thematisiert die innere Rückkehr zur Familie und zur Heimat in Zeiten des Krieges. In der Ferne von seinen Nächsten ruft der Dichter Bilder von Nähe, Alltag und Frieden hervor. Das Gedicht ist elegisch im Ton und spricht von Sehnsucht, Verlust und stiller Hoffnung.

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Briefe aus Norwegen

Eine Reise der Seele und des Verstandes Als Isidora Sekulić im Jahr 1913 nach Norwegen reiste, suchte sie nicht nur Bilder der Natur – sie suchte das Bild des Menschen in Einklang mit der Welt. Ihr Buch Briefe aus Norwegen, erschienen 1914, gehört zu den bedeutendsten Werken der serbischen Reise- und Essayprosa. In ihm wird die Natur zum Spiegel der Seele, und die nordische Landschaft wird zum Ort geistiger Prüfung und Läuterung. Deretić betont, dass dieses Werk weit mehr ist als ein Reisebericht: Es ist ein „philosophisches Tagebuch einer Frau, die in einer fremden Landschaft ihren eigenen Sinn sucht“. Norwegen als geistiger Raum Isidora fühlte sich angezogen von einem Land der Stille, des Steins und des Lichts. Während viele europäische Reisende im Norden nur Härte und Kälte sahen, erkannte sie in den norwegischen Fjorden Reinheit und moralische Größe der Natur. „Der Reisende ist in der norwegischen Natur jedem Augenblick mächtigen, verwirrenden Eindrücken ausgesetzt“, schreibt Isidora.In dieser Natur findet sie den Grundgedanken ihres Buches – sie verwandelt die Strenge des Nordens in geistige Disziplin, die Landschaft in einen Denkraum. Für sie ist Norwegen nicht nur ein Land des Schnees und der Fjorde, sondern ein Land des Lichts und des Schweigens, in dem der Mensch das eigene Ich ablegt und die Einfachheit des Daseins lernt. Stil und Bedeutung des Werkes Briefe aus Norwegen sind in der Form lyrischer Aufzeichnungen und Meditationen gestaltet. Isidora beschreibt nicht, was sie sieht – sie erlebt es. Durch kurze Bilder, Gedanken und Reflexionen verbindet sie die Landschaft mit dem inneren Zustand der Seele. Zwischen den Zeilen spürt der Leser die leise Einsamkeit einer Frau, die die Welt betrachtet und zugleich sich selbst in dieser Welt bedenkt. Ihr Stil ist dicht, rhythmisch, reich an Assoziationen und inneren Wendungen – manchmal philosophisch, manchmal beinahe gebetshaft. Es ist eine Prosa, in der jeder Satz das Gewicht eines Gedankens trägt und jedes Bild eine moralische Bedeutung hat. Die Briefe als Spiegel Europas In Briefe aus Norwegen schreibt Isidora Sekulić nicht nur über Norwegen – sie schreibt über Europa und über Serbien, über den Gegensatz zwischen nördlicher Strenge und südlicher Leidenschaft. Deretić bemerkt, dass sich in diesem Werk „Isidoras Streben nach Höhe, nach der kalten Reinheit des Geistes, im Gegensatz zu der Leidenschaft und dem Schmerz des Südens“ offenbart. So werden Briefe aus Norwegen auch zur Metapher einer inneren Reise – vom Unfrieden zum Frieden, von der Dunkelheit zum Licht. Bedeutung des Werkes Briefe aus Norwegen gelten als der höchste Ausdruck der serbischen Reiseliteratur. Mit diesem Buch öffnete Isidora Sekulić die Tür zu einer modernen, gedankenvollen, poetischen Prosa, in der Weg, Natur und Gedanke eins werden. Das Werk ist zugleich ein Zeugnis des Geistes einer Frau, die – in der Zeit vor den großen Kriegen – eine universelle Sprache der Stille und der Ethik findet. Deretić schließt, dass Briefe aus Norwegen „weniger ein Reisebuch als vielmehr ein meditatives Werk sind, aber das tiefste Zeugnis von Isidoras Bedürfnis nach innerer Ruhe und Erhebung des Geistes“. Quelle: Jovan Deretić, Geschichte der serbischen Literatur, Belgrad: Nolit, 1983. Bearbeitet von Snežana Lalatović

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Die Weggefährten

„Die Weggefährten“ („Saputnici“) sind Isidora Sekulićs erste Erzählsammlung, veröffentlicht im Jahr 1913. In diesen Geschichten zeichnet die Autorin die inneren Welten ihrer Figuren – ihre Gedanken, Unruhen und Einsamkeit – in tief psychologischen und meditativ-poetischen Bildern. Sekulić zeigt hier ihre unverwechselbare lyrische Prosa, erfüllt von Stille, Melancholie und philosophischem Nachdenken über den Menschen und seinen Platz in der Welt. Die Sammlung kündigt bereits all das an, was später ihr Werk prägen wird: Spiritualität, Introspektion und eine Sprache, die Dichtung und Denken miteinander verbindet.

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Ben Akiba - Über Uns

Ende des Jahres 1905 übernahm er, auf Einladung der Gründer der Zeitung Politika , der Brüder Vladislav und Darko Ribnikar, die regelmäßige Rubrik Aus dem Belgrader Leben, in der er unter dem Pseudonym Ben Akiba humorvolle Feuilletons veröffentlichte, die sehr schnell an Popularität gewannen. Bis 1910 veröffentlichte er mehrere hundert Feuilletons, die ein interessantes Zeugnis über das Leben in Belgrad zu Beginn des 20. Jahrhunderts darstellen. Im Wesentlichen lebte Nušić damals vom Journalismus. Als außergewöhnlich scharfsinniger Beobachter des Alltagslebens schilderte er mit Witz und ohne satirischen Anspruch zahlreiche Akteure in den dynamischen Ereignissen der Hauptstadt, die sich zu jener Zeit in geistigem wie auch in materiellem Aufschwung befand. Nušićs Feuilletons, die er 1907 in Buchform veröffentlichte, stießen auf eine negative Kritik Jovan Skerlićs (über die Feuilletons), der zwar zutreffend feststellte, dass Nušić kein Schriftsteller sei, der sich ein Publikum schaffe, sondern ein Autor, den das Publikum selbst erschaffe, ihm jedoch zu Unrecht vorwarf, er besitze weder geistige Tiefe noch Reinheit des Gefühls noch moralische Autorität für eine politische und gesellschaftliche Satire … Im Gegensatz zu Skerlić zeigte Antun Gustav Matoš weitaus mehr Wohlwollen gegenüber Nušić: „Nušić ist ein geborener Journalist, der in diese neueste und aktuellste Form unserer Literatur jenen liebenswürdigen und unterhaltsamen Ton des Plauderns, des Scherzes und der Phantasie einbringt, durch den der Journalismus in die Literatur und die Literatur in den Journalismus eintritt, das Kleine in ein Ereignis und das Ereignis in eine Kleinigkeit verwandelt, aus dem Feuilleton eine Chronik macht – ein tägliches Vorwort über die alltägliche menschliche Komödie, die durch die Zeitung in die Tragik der Weltgeschichte eingeht.“ Prof. dr. Raško V. Jovanović Der Text wurde aus dem Buch Ben Akiba – Über uns übernommen und mit Genehmigung der Nušić-Stiftung veröffentlicht. <div class="responsive-video"><iframe src="https://www.youtube.com/embed/_HfxG6WLGT0?si=8yk065FoS__XFX9c" title="YouTube video player" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></div>

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