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Der sechste Tag

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Der sechste Tag

Rastko Petrović
Der sechste Tag

Petrovićs größtes literarisches Anliegen in den USA ist der Roman Der sechste Tag. Jahrelang bemüht er sich um seine Veröffentlichung.

Das Werk besteht aus zwei Teilen, deren tagebuchartigen Einträge chronologisch geordnet und von zahlreichen Rückblenden durchbrochen sind. Teil I, den Petrović 1935 in Belgrad zum Druck vorlegt, handelt in der Zeit vom 1. November bis 31. Dezember 1915 und ist dem verlustreichen Rückzug der serbischen Armee und Teilen der Zivilbevölkerung über Montenegro und Albanien an die Mittelmeerküste gewidmet. Teil II, der in den USA verfasst ist, spielt vom 9. Juni bis 18. November 1938 in einem akademischen Milieu in Washington, D.C.

Der Hauptprotagonist beider „Bücher“ ist der 1898 in Belgrad geborene Stevan Papa-Katić. Beide Schauplätze bestücken auch Toni (Radmila) Popović, ihr amerikanischer Ehemann Jack Gordon, der in Teil I noch serbische Flüchtlinge betreut, und Mili (Milica), die Tochter von Tonis gleichnamiger Schwester Milica, die auf dem Rückzug über die Berge in einer verlassenen Hütte zur Welt kommt.

Das serbische Buch erzählt die Leidensgeschichte des siebzehnjährigen Gymnasiasten Stevan, seiner Freunde (Smeđi Petar, Milan Tomić, Dragiša Stefanović) und zufällig auf der Flucht getroffener Personen. Die Er-Erzählung ist geprägt von Hunger, Verzweiflung, Tod, gelegentlich altruistischer Hilfe und, vor allem, feindseligen Gefühlen, die zwischen den Flüchtenden entstehen, da Nahrung und warme Schlafplätze knapp sind.

Zu Beginn der Flucht, als Stevan noch in einem Lastwagen unterwegs ist, bleibt er in engem Kontakt mit seinen Belgrader Schulfreunden, später schlägt er sich allein über die schneebedeckten Berge durch. Die Gymnasiasten führen hitzige Diskussionen über Liebschaften, Rivalitäten, sozial-ethische Grundsätze und literarische Werke und kommen dabei immer wieder auf Stevans Familie zu sprechen, die für alle voller Rätsel ist: der Selbstmord des Vaters „Irac“ fünf Monate vor Stevans Geburt, die Schönheit der Mutter Marica, von der Milan Rakić oder Jovan Dučić dichtete und von der auch Stevan Džamić, der beste Freund des Vaters, geblendet war, oder der auf dubiose Weise erlangte Reichtum des Großvaters Papa-Katić, der sich gegen Iracs Vermählung mit der emanzipierten Marica stellt und dessen Namen Stevan auf dem Fußmarsch nicht erwähnt, um nicht privilegiert behandelt zu werden. Weitere Handlungslinien bilden die biblisch anmutende Ehe zwischen Jovan und Milica Tasić, die Geburt ihrer Tochter Mili in den Bergen, deren Vater möglicherweise nicht Jovan, sondern Stevan Džamić ist, das vergebliche Werben von Stevans Freund Dragiša um Milicas Schwester Toni (Radmila) Popović, die von einem Flößer von der Tara (Mišo) vergewaltigt worden ist, den der Advokat Džamić verteidigt, wie auch die zufälligen Kontakte zu anderen Flüchtlingen. Manche Ereignisse und Gedankengänge schildert der Autor in Form eines „Bewusstseinsstroms“, wie er bei James Joyce, Virginia Woolf und, in Ansätzen, bereits bei Bora Stanković zu finden ist. Dabei versetzt sich der Erzähler nicht nur in die zentralen Protagonisten, sondern auch in episodische Nebenfiguren. Über Seiten hinweg berichtet er aus der Perspektive einer hungrigen, von ihrem Rudel getrennte Wölfin, die auf ihrer Flucht auf undurchdringliche Soldatenreihen stößt, bis sie sich schließlich in ein bewaldetes Gebirge retten kann.

Wie die Szene mit der Wölfin oder die Episode mit dem Hund, der den erschöpften Stevan wie ein hungriger Schakal verfolgt, bis ihn dieser erdrosselt, besonders eindrücklich nahelegen, schreibt der Autor der Natur eine personifizierte, mystisch-ambivalente Rolle zu. Sie ist Ort tiefer menschlicher Sehnsüchte wie sie auch Ort existenzieller Bedrohung ist. So steht die weiße Bergwelt für den unerbittlichen Kältetod ebenso wie für die Anziehungskraft des weiblichen Körpers, oder symbolisieren die im Schnee blendende Mittagssonne, die einbrechende Winternacht, die blutige Geburt in der Berghütte, das Leiden der erfrierenden Pferde und der entkräftete Hund den zyklischen Lauf des Lebens und Sterbens, der zugleich in einem kosmischen Ganzen aufgehoben ist.

Im amerikanischen Buch ist Stevan vierzig Jahre alt und lebt seit zwei Jahrzehnten in den USA. Vom ererbten Reichtum seines 1916 in einem ungarischen Lager umgekommenen Großvaters befreit er sich sogleich nach der Überfahrt, indem er sämtliche Fabriken, Wirtshäuser, Ländereien und Wertpapiere verkauft und eine Stiftung zur Förderung der Wissenschaften gründet, die den Namen des verhungerten Freundes Smeđi Petar trägt. So muss er sich die ersten Jahre als Hilfsarbeiter durchschlagen, bis er das Geld für sein Studium wieder zusammenhat. Als diplomierter Paläonthologe macht er dann schnell Karriere, wird Professor der Washingtoner Universität und erhält den Nobelpreis. Der Ruhm hindert ihn jedoch nicht daran, seine bescheidene und zurückgezogene Existenz weiterzuführen. Erst als er Jack Gordon kennenlernt, den Vater seines Studenten Bill, verändert sich sein Leben. Jack lebt mit Toni, die er im Ersten Weltkrieg auf der Flucht nach Albanien kennengelernt hat, in zweiter Ehe, aus der Lari hervorgegangen ist. Neben Bill, dessen Mutter früh verstarb, lebt im Haus, in dem die beste Gesellschaft Amerikas verkehrt, auch Mili, die Tochter von Tonis Schwester Milica. Von Toni erfährt Stevan, dass Milica in Podgorica ihren Blutungen erlag, Milicas Mutter den Säugling versorgte, bis sie selbst in Skadar starb, und dass sich Milicas Ehemann Jovan Tasić, der nach Elbasan geflüchtet war, auf dem Schiff befand, das zwischen Korfu und Marseille versenkt wurde. Da nur Toni überlebte, nahm sie sich der Vollwaisen Mili an. Kurz bevor sie Jack heiratete, traf sie noch einmal Dragiša, dessen Liebe für sie noch nicht versiegt war. Von ihm liest Stevan in einem amerikanischen Blatt, dass er Funktionär der Regierungspartei geworden ist, während Džamić mit der Kroatischen Bauernpartei (HSS) verhandelt, um die Opposition des Landes zu einen. Stevan verliebt sich in Mili, bei deren Geburt in den Bergen er assistiert hatte. Die beiden heiraten und erwarten am Ende, als Stevan stirbt, ein Kind.

Stevan wird zufälliges Opfer einer Hirschjagd an einem See, an dem er Mili zum ersten Mal umarmte. Als er im Sterben liegt, halluziniert er, er spiele mit seinen Belgrader Freunden Krieg, in dem ihm die Rolle des erlegten Hirsches zukommt. Auch das Lied, das er kurz zuvor noch gesungen hat, versetzt ihn in die Kindheit und – weiter – in die Zeit der „alten Slawen“ zurück (5:619). So schließt sich für ihn der Lebenskreis, wie mit ihm auch der Autor zu seiner frühen Begeisterung für die mythische Welt der Slawen zurückkehrt.

1935 hatte der Verleger Geca Kon das „Erste Buch“, das noch den Titel „Acht Wochen“ trug, mit der Befürchtung abgelehnt, aus der finsteren Darstellung des serbischen Rückzugs könnten unerwünschte politische Schlüsse gezogen werden. Kon stützte sich auf Slobodan Jovanović (7:286), der überzeugt war, „dass die albanische Tragödie an bestimmten, vielleicht sogar mehreren Stellen auf eine zu finstere, sozusagen defätistische und für die serbische Armee diffamierende Weise gezeigt werde“ (2:274).

Ljubica Luković erzählt über dieses fatale Urteil: „Da Rastko unsere albanische Tragödie wahrheitsgetreu, in schwarzen Farben, darstellte, schauderhaft, wie es für das serbische Volk war, rieten die Rezensenten dem Herausgeber, das Manuskript Rastko zurückzugeben, damit er gewisse Kürzungen und Änderungen vornehme, was er auch tat. Einer dieser Rezensenten, der angesehene Professor Slobodan Jovanović, der Rastko eigentlich wohlgesonnen war, sagte ihm, er würde besser nicht ins Land zurückkehren, sollte dieser Roman, der später Der sechste Tag heißen wird, so gedruckt werden“ (4:89).

Tatsächlich finden sich im Text unverhohlen „defätistische“ Passagen. Gleich zu Beginn, als Stevan Papa-Katić die ersten Eindrücke seiner Flucht verarbeitet, heißt es: „Hunderte Millionen von Menschen sind von einer einzigen halluzinatorischen Idee befangen: irgendwie am Leben zu bleiben. Sie marschieren, marschieren im schmelzenden Bleiregen. Sie kommen in einer Nacht wie dieser irgendwo an, ohne die Menschen neben sich und vor sich zu sehen; sie rennen, werfen Bomben, ächzen atemlos, schießen, stechen, fallen in den Dreck, verstreuen ihr Blut und ihr Gedärm – in Nächten wie dieser, ohne etwas zu sehen, ohne zu wissen, wen sie töten oder von wem sie vielleicht getötet werden, ohne zu wissen, wo sich alles zuträgt...“ (5:20).

Der Text kommt auch ohne jegliches Nationalpathos aus. Zwar wird weder verschwiegen, dass österreichische Truppen die Linien der sich zurückziehenden, hungernden serbischen Soldaten zu durchbrechen versuchen, unterstützt von Albanern, die von den Höhen herunterschießen, noch dass am Meer feindliche Bomben auf Flüchtlingsunterkünfte und Rettungsschiffe fallen, doch handelt es sich hierbei um sporadische, fast beiläufige Beobachtungen. Und von erfolgreichen serbischen Manövern und heroischen Gesten ist nicht einmal andeutungsweise die Rede. Im Zentrum des Romans stehen Elend, Hunger, Erschöpfung, Verzweiflung, Typhus, Tod – Schicksale, welche die flüchtende Zivilbevölkerung mit den serbischen und gefangenen österreichischen Soldaten gleichermaßen teilt. Auch der Seite, die den Flüchtenden Obdach gewährt, gehören Menschen unterschiedlicher ethnisch-religiöser Herkunft an: Albaner, Montenegriner, Katholiken, Muslime, Orthodoxe, Italiener. Der zunehmende Verfall der Moral hingegen wird aus der Perspektive des flüchtenden Stevan und folglich ausschließlich in den eigenen Reihen thematisiert. Diesen moralischen Niedergang beobachtet Stevan vor allem an sich selbst: je hungriger und erschöpfter er ist, desto weniger ist er bereit, die verbliebenen Vorräte mit den anderen zu teilen. Der Zenit dieses moralischen Niedergangs fällt symbolhaft auf den „letzten Tag des Jahres 1915“ (5:441). Der Hass zwischen zwei Gefährten, mit denen Stevan gemeinsam ein notdürftiges Obdach errichtet hat, steigert sich bis zum Mord: ein namenloser „Ackermann“ (ratar), in dem leicht Kain zu erkennen ist, ersticht einen „Wollhaarigen“ (vunjasti), ohne dass der entkräftete Stevan einzuschreiten vermag.

Teil I endet mit den Worten: „Doch niemals mehr, Brüder... Niemals... Niemals!“ (5:450). Im Manuskript der englischen Übersetzung aus dem Archiv des Nationalmuseums ist dieser Ausruf noch deutlicher gesetzt: „But never again will men be my brothers... never... never!“ (p. 318).

Teil II bringt das biblische Motiv des „Brudermords“ mit dem amerikanischen Bürgerkrieg zusammen, an den Bill Gordon denkt, als er im Gebiet des Henry House Hills wandern geht: „Sie zerfetzten sich, Hass und Zorn im Herzen, zwei Brüder, zwei Freunde, eine zweifache Jugend, eine zweifache Zukunft, an dieser Stelle, unter diesen Sternen, zwischen diesen Bergen. Und dann lagen sie umschlungen, friedlich, lächelnd, als flüsterten sie einander zärtliche Dinge über ihre Geliebten zu, als schützten sie einander vor dem Feind, vor dem Bösen. Von heute bis in alle Ewigkeit. Und doch sind sie gefallen, fürs selbe Land, zur selben Stunde“ (5:498).

Die historische Szenerie, die mit Mišos Mord an Toni Popovićs Haushälterin assoziiert ist, die der Flößer Mišo leidenschaftlich liebte, kontrastiert mit Bill Gordons Vorstellung von der Einheit aller Lebewesen, zu der er beim Besuch eines Indianerreservats inspiriert worden ist. Diese kosmische Erfahrung geht Bills Gedanken vom Bürgerkrieg unmittelbar voraus:

[...] und dann schloss er die Augen, lachte in sich hinein, voller Liebe zu diesem Land, zu den Sternen [...], zu den Insekten, zur Luft, zu sich selbst. Er fühlte seinen Körper als Teil von allem, das ihn umgab (5:497).

Eine ähnliche Erfahrung macht auch der sterbende Stevan. Er wird nicht nur in die Belgrader Kindheit und in die Zeit der „alten Slawen“ zurückversetzt, er empfindet sich auch als Hirsch, „den die Jäger auf dem Berg erlegten“ (5:621). Dieses innere Bild geht am Romanende auf seine Frau Mili über, der man Stevans Leichnam auf einem Lastwagen bringt:

Doch das erste, was sie sah, war ein toter Hirsch mit einem wunderbar gewundenen Geweih, feuchten Augen und dunklen Nüstern (5:622)

Mili sieht, was Stevan im Tod erfährt und was Bill unter den nordamerikanischen Indigenen erlebt: die Allverbundenheit des Menschen mit der Natur und dem Kosmos.

Quelle:

Rastko Petrović, "Der sechste Tag. Gedichte und Prosa", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, Eingeleitet und aus dem Serbischen übersetzt von Robert Hodel

DS

Der sechste Tag (Auszüge aus dem 1. Teil des Romans)

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