Briefe aus Norwegen

Eine Reise der Seele und des Verstandes
Als Isidora Sekulić im Jahr 1913 nach Norwegen reiste, suchte sie nicht nur Bilder der Natur – sie suchte das Bild des Menschen in Einklang mit der Welt.
Ihr Buch Briefe aus Norwegen, erschienen 1914, gehört zu den bedeutendsten Werken der serbischen Reise- und Essayprosa.
In ihm wird die Natur zum Spiegel der Seele, und die nordische Landschaft wird zum Ort geistiger Prüfung und Läuterung.
Deretić betont, dass dieses Werk weit mehr ist als ein Reisebericht: Es ist ein „philosophisches Tagebuch einer Frau, die in einer fremden Landschaft ihren eigenen Sinn sucht“.
Norwegen als geistiger Raum
Isidora fühlte sich angezogen von einem Land der Stille, des Steins und des Lichts.
Während viele europäische Reisende im Norden nur Härte und Kälte sahen, erkannte sie in den norwegischen Fjorden Reinheit und moralische Größe der Natur.
„Der Reisende ist in der norwegischen Natur jedem Augenblick mächtigen, verwirrenden Eindrücken ausgesetzt“, schreibt Isidora.In dieser Natur findet sie den Grundgedanken ihres Buches – sie verwandelt die Strenge des Nordens in geistige Disziplin, die Landschaft in einen Denkraum.

Für sie ist Norwegen nicht nur ein Land des Schnees und der Fjorde, sondern ein Land des Lichts und des Schweigens, in dem der Mensch das eigene Ich ablegt und die Einfachheit des Daseins lernt.
Stil und Bedeutung des Werkes
Briefe aus Norwegen sind in der Form lyrischer Aufzeichnungen und Meditationen gestaltet.
Isidora beschreibt nicht, was sie sieht – sie erlebt es.
Durch kurze Bilder, Gedanken und Reflexionen verbindet sie die Landschaft mit dem inneren Zustand der Seele.
Zwischen den Zeilen spürt der Leser die leise Einsamkeit einer Frau, die die Welt betrachtet und zugleich sich selbst in dieser Welt bedenkt.
Ihr Stil ist dicht, rhythmisch, reich an Assoziationen und inneren Wendungen – manchmal philosophisch, manchmal beinahe gebetshaft.
Es ist eine Prosa, in der jeder Satz das Gewicht eines Gedankens trägt und jedes Bild eine moralische Bedeutung hat.
Die Briefe als Spiegel Europas
In Briefe aus Norwegen schreibt Isidora Sekulić nicht nur über Norwegen – sie schreibt über Europa und über Serbien, über den Gegensatz zwischen nördlicher Strenge und südlicher Leidenschaft.
Deretić bemerkt, dass sich in diesem Werk „Isidoras Streben nach Höhe, nach der kalten Reinheit des Geistes, im Gegensatz zu der Leidenschaft und dem Schmerz des Südens“ offenbart.
So werden Briefe aus Norwegen auch zur Metapher einer inneren Reise – vom Unfrieden zum Frieden, von der Dunkelheit zum Licht.
Bedeutung des Werkes
Briefe aus Norwegen gelten als der höchste Ausdruck der serbischen Reiseliteratur.
Mit diesem Buch öffnete Isidora Sekulić die Tür zu einer modernen, gedankenvollen, poetischen Prosa, in der Weg, Natur und Gedanke eins werden.
Das Werk ist zugleich ein Zeugnis des Geistes einer Frau, die – in der Zeit vor den großen Kriegen – eine universelle Sprache der Stille und der Ethik findet.
Deretić schließt, dass Briefe aus Norwegen „weniger ein Reisebuch als vielmehr ein meditatives Werk sind, aber das tiefste Zeugnis von Isidoras Bedürfnis nach innerer Ruhe und Erhebung des Geistes“.
Quelle:
Jovan Deretić, Geschichte der serbischen Literatur, Belgrad: Nolit, 1983.
Bearbeitet von Snežana Lalatović
