Leute reden

1931 schlägt Petrović dem Verleger Geca Kon ein Werk zum Druck vor, das wichtige Ideen seines gemeinsam mit Ristić verfassten Essays „Heliotherapie der Aphasie“ aufnimmt und poetisch umsetzt: Leute reden. Kon akzeptiert den Druck unter der Bedingung, dass drei Personen garantieren, für ein mögliches Defizit aufzukommen. Unter den Unterzeichnenden ist wiederum Aleksandar Deroko.
Kons Vorsicht ist nachvollziehbar: Der 70-seitige Text ist ein Gemisch aus Reisebericht, lyrischer Prosa und Essayistik und hat keine übergreifende Handlungsentwicklung. Die ersten zwei Teile setzen sich aus kurzen, scheinbar belanglosen Alltagsgesprächen unbedarfter Menschen zusammen, die ein Fremder zufällig an einem See trifft, und im dritten, in der Nacht spielenden Teil ergeht sich der Autor in hochmetaphorischen, lyrischen Exkursen, philosophischen Erörterungen und reinen Lautreihen.
Die Wiederholung scheinbar nichts sagender, banaler Floskeln und Gespräche evoziert eine graue und träge Alltäglichkeit, der die Seeanwohner vergeblich zu entfliehen versuchen. Die Geburt eines Kindes am Ende des Textes unterstreicht nur noch die zyklische Einförmigkeit des Lebens. Und dennoch wird die Inselwelt, auf der sich unter der Oberfläche unausgesprochene Tragödien abspielen, zum Symbol des Menschlichen überhaupt, wie auch zum Versuch des Reisenden, sich mit ihrem schlichten Leben zu identifizieren. Die perpetuierende Form der Gespräche wird damit zur eigentlichen Aussage des Romans: sie manifestiert den Willen, sich mit dem zyklischen Lauf des Werdens und Sterbens auszusöhnen. In der vordergründigen Eintönigkeit und Vergeblichkeit der alltäglichen Verrichtungen scheint eine Schönheit auf, die ihre Quelle in der Akzeptanz der unprätentiösen Schlichtheit des Alltags hat.
Im Versuch des Fremden, seine Existenz im Einklang mit den Seeanwohnern zu denken, verabschiedet sich Petrović nicht nur persönlich von der Idee des außergewöhnlichen Lebens, es ist auch ein Abschied vom modernistischen Geniekult. Der Autor nähert sich einer Literatur an, die in den dreißiger Jahren Schriftsteller wie Jarosław Iwaszkiewicz (Die Mädchen vom Wilkohof, 1932), Karel Čapek (Hordubal, Ein gewöhnliches Leben, Der Meteor, 1933-34), Ladislav Vančura (Drei Flüsse, 1936), Ivo Andrić oder die italienischen Neorealisten (Alberto Moravia, Elio Vittorini, Cesare Pavese) vertreten – eine Literatur, die im Bewusstsein der Avantgarde zum Mimetischen, Narrativen, Profanen und zur alltäglichen Sprache zurückkehrt.
Vinaver vergleicht das „kleine und geniale Buch“1 mit einer griechischen Tragödie – ein Vergleich, bei dem das „redende“ Volk zum Thespis-artigen Chor wird, dem der fremde Reisende als einziger Schauspieler in der festen Absicht gegenübersteht, sich ihm anzunähern. Diese Identifikation suggeriert auch der autopoetische2 Vergleich mit der Biene, deren eingesammelter Nektar zu Honig, wie die Rede der Leute zum Romantext wird: „Was für eine Arbeit!“, meint der Erzähler, der sich in eine Blumenwiese gelegt hat, „so möchte ich einmal schaffen, die besten Reichtümer um mich herum sammeln und sie in etwas vollkommen Homogenes verwandeln können“ (12:162).
Der Roman wird im ganzen Land breit rezensiert. Im Jahrbuch... (1931, IV-V, s. 145) schreibt Todor Manojlović:
„Als Rastko Petrović vor zehn Jahren seine Burleske... veröffentlichte, spürte man, dass ein Dichter auftrat, der uns etwas Eigenes und Neues zu sagen hatte. Ein Jahr später hat sich uns in seinen Offenbarungen ein sehnsuchts- und gedankenvolles Antlitz unserer modernen Poesie gezeigt. Heute, in Leute reden, hat diese Poesie etwas von ihrem Tiefsten und Edelsten ausgesprochen und ausgeformt.“
Dragan Aleksić, der Petrović einen „emotionalen Humanismus“ (emocionalni humanizam), gebunden an einen „kosmischen Fatalismus“ (kosmički fatalizam), attestiert, hebt in der Zeit (16.5.1931, s. 6) hervor:
„Rastko Petrović macht durch die instinktiv ausgedrückten Gefühle und die Gedanken der gewöhnlichsten Menschen einen Schnitt, einen Durchschnitt durch das Leben. Aus ihm erwächst eine Kraft, geschaffen aus Ohnmacht, Verpflichtung und prometheischer Gebundenheit an die lebendige Erde, Lokalität und Sitte. Und darin liegt das Geheimnis des Lebens und des Schaffens: Reisende schaffen nicht, Nomaden bauen nicht. Indem der Mensch an die Erde gefesselt ist, schafft er Werte. Wie tragisch dies auch erscheinen mag, liegt darin dennoch ein Zeichen der Heiterkeit. Das menschliche Schicksal ist bestimmt durch das Verhältnis zwischen dem Flug der Phantasie und den Beschränkungen des Instinkts.“
Quelle:
Rastko Petrović, "Der sechste Tag. Gedichte und Prosa", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2026, Eingeleitet und aus dem Serbischen übersetzt von Robert Hodel
