Isidora Sekulić
1877 - 1958

Isidora Sekulić

Literarische Epoche: Moderne

Isidora Sekulić war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der serbischen Literatur, bekannt für ihre Gelehrsamkeit, herausragende Prosa und Essayistik. Sie war die erste Frau, die Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste wurde. Ihr Werk umfasst Kritiken, Reiseberichte, Essays und Erzählungen, die auch heute noch Leserinnen und Leser durch ihre Frische und Tiefe inspirieren.

Über den Autor

Isidora Sekulić war eine der gebildetsten und originellsten Persönlichkeiten der serbischen Literatur des 20. Jahrhunderts.

Sie wurde 1877 in Mošorin in der Batschka geboren und verbrachte ihre Kindheit in Ruma und Semlin. Über diese Jahre ist nur wenig bekannt. Von frühester Jugend an zeigte sie einen ausgeprägten Sinn für geistige Unabhängigkeit und ein zurückgezogenes Wesen.

Sie absolvierte die Serbische Lehrerbildungsanstalt in Sombor und studierte anschließend Mathematik und Naturwissenschaften am Höheren Pädagogischen Institut in Budapest.

Sie arbeitete als Mathematiklehrerin in Pančevo, Šabac und Belgrad und verbrachte den größten Teil ihrer beruflichen Laufbahn an Mädchengymnasien (1911–1931).

Sie liebte das Reisen, auch wenn sie kein typischer „Reiseschriftsteller“ war. Sie sprach und schrieb fließend Deutsch, Französisch, Englisch, Ungarisch, Russisch und Norwegisch.

Ihre Reise nach Norwegen im Jahr 1913 hinterließ einen tiefen Eindruck in ihrem Werk.

Norwegisch brachte sie sich selbst bei, um Ibsen und Bjørnstjerne Bjørnson im Original lesen zu können.

Zeitgenossen berichten, dass sie während ihres Aufenthalts in Norwegen lokale Autoren zitierte und übersetzte, als wäre sie dort aufgewachsen.

Nach dem Ersten Weltkrieg lebte sie im Ausland. In München setzte sie ihr Studium fort und promovierte in Ästhetik und Literaturwissenschaft. Sie studierte außerdem Englisch und Französisch und lebte eine Zeit lang in London.

Nach ihrer Rückkehr nach Serbien zog sich Isidora in die Stille und in die Arbeit zurück, ganz dem Denken und dem Buch zugewandt.

1939 wurde sie als erstes weibliches Mitglied in die Serbische Akademie der Wissenschaften und Künste aufgenommen – zu einer Zeit, als Frauen in fast keiner europäischen Akademie zugelassen waren.

Diese Wahl löste in der damaligen Presse Diskussionen aus – nicht wegen ihres Geschlechts, sondern weil sie als „Einzelgängerin, außerhalb aller Kreise“ galt.

Bis zu ihrem Tod blieb sie die einzige Frau in der Akademie.

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Literarischer Weg

Isidora Sekulićs literarische Entwicklung verlief langsam, aber stetig.

Die literarische Entwicklung von Isidora Sekulić verlief langsam, aber stetig. Ihr erstes Buch, Saputnici (1913), kündigte bereits eine Autorin von besonderer geistiger und künstlerischer Sensibilität an.

Ein herausragendes Werk ihres Schaffens sind die Briefe aus Norwegen (Pisma iz Norveške, 1914) – ein Werk, das Reiseliteratur, philosophische Meditation und poetische Naturerfahrung miteinander verbindet.

Darin fand Isidora eine tiefe seelische Verwandtschaft mit der strengen und klaren Natur des Nordens, in der sie ein Spiegelbild ihrer eigenen inneren Welt sah.

In ihrer Prosa, besonders in ihren Erzählungen, wandte sie sich dem Leben des bürgerlichen Milieus in der Vojvodina und in Serbien zu, den moralischen und geistigen Brüchen innerhalb der Familie und des Einzelnen.

Ihre Welt sind die stillen Tragödien einfacher, aufrechter Menschen, die dennoch dem Untergang geweiht sind.

Sammlungen wie Aus der Vergangenheit (Iz prošlosti, 1919), Chronik des Kleinstadtfriedhofs (Hronika palanačkog groblja, 1920) und Aufzeichnungen über mein Volk (Zapisi o mom narodu, 1948) bilden den Kern ihres erzählerischen Schaffens.

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Ihr ganzes Leben verbrachte Isidora zwischen Kunst und Einsamkeit, im Nachdenken über Sinn, Schönheit und die menschliche Natur.

Ihre Texte inspirieren auch heute noch durch ihre intellektuelle Tiefe, geistige Kraft und Aufrichtigkeit und bleiben ein zeitloser Teil des serbischen literarischen Erbes.

Erzählungen und die Kleinstadtwelt

In ihren Erzählungen gestaltete Isidora Sekulić eine Mikrowelt der serbischen Kleinstadt.

Die Figuren ihrer Geschichten tragen den Stempel einer tragischen Bestimmung – oft enden ihre Schicksale mit Tod, Vergessen oder dem Untergang von Familie und Namen.

Das Motiv des Friedhofs, der Vergänglichkeit und des familiären Verhängnisses ist in fast allen Erzählungen präsent, besonders in der Sammlung Chronik des Kleinstadtfriedhofs (Hronika palanačkog groblja).

Ihre Helden sind keine Schwachen, sondern Menschen, die vom Kampf mit dem Schicksal erschöpft sind.

In ihnen fand Isidora die moralische Stärke und das tragische Würdegefühl des einfachen Menschen.

Essayistik, Kritik und der ideologische Konflikt mit Đilas

Der Essay war die Form, in der sich Isidora Sekulić am vollständigsten ausdrückte.

Neun ihrer zwölf gesammelten Bücher gehören der essayistischen Prosa an.

Sie schrieb über Kunst, Musik, Malerei, Philosophie und Moral.

Ihr Denken war zugleich streng und zutiefst human – eine Verbindung von Vernunft und innerer Wärme.

Das bedeutendste Werk unter ihnen ist das Buch Njegoš – Buch der tiefen Hingabe (Njegošu – knjiga duboke odanosti, 1951), das eine starke ideologische Reaktion hervorrief.

Im Nachkriegsserbien wurde das Buch, das Njegoš gewidmet war, zum Ziel der Kritik des Parteitheoretikers Milovan Đilas, der es als „ideologisch unzulässig“ bezeichnete.

Für Isidora, die in diesem Werk ihr tiefes moralisches und geistiges Bedürfnis ausdrückte, Njegoš als Dichter des menschlichen Kampfes zu verstehen, war dieser Angriff ein schmerzhaftes Erlebnis.

In einem Moment der Empörung verbrannte sie den zweiten Teil des Buches, der dem Bergkranz (Gorski vijenac) gewidmet war.

Später gab sie zu, dies in einem Zustand innerer Erschütterung und Enttäuschung getan zu haben, ohne sich je von ihrem Werk oder ihren Überzeugungen zu distanzieren.

Sie sagte später:

„Ich will ihn nicht lesen, wenn ich ihn nicht fühlen kann.“

Diese Geste wird oft als Ausdruck ihrer moralischen Standhaftigkeit und intellektuellen Ehre gedeutet.

In ihren letzten Lebensjahren lebte Isidora in ruhiger Gelassenheit, geachtet von allen – besonders von den jungen Menschen, die zu ihr kamen, um sie zu hören.

Ihr Wort, stets klar und überlegt, blieb ein Symbol des unabhängigen Denkens in einer Zeit politischer Zwänge.

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Isidora Sekulić und Ivo Andrić – eine Begegnung zweier literarischer Legenden (aus der Serie „Der Nobelpreisträger“)

Sprache, Kunst und Ideen

Isidora betrachtete die Sprache als das Wesen des Volksgeistes:

„Alles ist im Geist, und der Geist ist in der Sprache.“

Sie vertrat Vuks Ideal der authentischen Sprache, jener Sprache, mit der das Volk tatsächlich spricht und denkt.

In der Kunst sah sie den höchsten Ausdruck der Geistigkeit – die Möglichkeit, dass der Mensch sich von den Grenzen seiner eigenen Existenz befreit.

Sie folgte weder formalen ästhetischen Schulen noch literarischen Moden; stets strebte sie nach einer Verbindung von Vernunft und Spiritualität, Disziplin und Wärme.

Ihre Essays sind gedanklich dicht und assoziativ, oft vom freien Lauf der Ideen getragen.

Wenn sie andere Autoren kritisierte, suchte sie immer nach dem Wesen und der tieferen Bedeutung eines Kunstwerks.

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Bedeutung und Vermächtnis

Isidora Sekulić war die erste Frau, die in der serbischen Literatur den Rang der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts erreichte.

Mit ihrem Werk verband sie Introspektion und geistige Strenge, Kunst und Moral. Sie war Zeugin einer Epoche – und ihr Gewissen.

In einer Zeit, in der Frauen erst allmählich eine Stimme erhielten, wurde sie selbst zur Stimme der Vernunft und geistigen Weite.

Ihr Schaffen bildet eine Brücke zwischen dem Realismus des 19. und dem Modernismus des 20. Jahrhunderts, zwischen Tradition und individueller Reflexion.

Heute bleibt Isidora Sekulić mehr denn je ein Symbol der denkenden weiblichen Stimme – einer Stimme, die Kunst, Wissen und innere Klarheit vereint.

Isidoras Teestunden in Belgrad

Stille Abende des Geistes und des Gesprächs

In ihrer bescheidenen Wohnung in der Krunska-Straße in Belgrad, wo sie die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte, veranstaltete Isidora Sekulić ihre berühmten „Teestunden“ – kleine, informelle Abende, die dem Gespräch, der Literatur und der Kunst gewidmet waren.

Sie mochte keine großen Gesellschaften oder Salons; ihre Treffen waren ruhig, beinahe feierlich, getragen von geistiger Achtsamkeit und der Wärme einer Gastgeberin, die an die Kraft des Wortes und der Stille glaubte.

Zu ihren Gästen gehörten die bedeutendsten Intellektuellen Belgrads: Desanka Maksimović, Miloš Crnjanski, Rastko Petrović, Stanislav Vinaver, Jovan Dučić, Ivo Andrić, sowie junge Schriftsteller und Studenten, die sie hören wollten.

Einige kamen regelmäßig, andere nur gelegentlich – aber alle sprachen später mit Respekt über diese Abende.

Isidora begann stets leise – mit einer Tasse Tee und einem prüfenden, einladenden Blick.

Man sprach über Kunst, Musik, Philosophie, über neu erschienene Bücher und über moralische Fragen, die sie immer beschäftigten.

Sie duldete keine Oberflächlichkeit oder Eitelkeit; sie konnte aufmerksam zuhören, aber auch ein Gespräch beenden, wenn es belanglos wurde.

Ihre „Teestunden“ waren eine Schule des Geistes – ein Ort, an dem Nachdenklichkeit, Bildung und menschliche Wärme zu einer stillen, aber kraftvollen Gemeinschaft verschmolzen.

Spätere Besucher erinnerten sich, dass jedes ihrer Worte Gewicht hatte und dass in ihrer Stimme die Weisheit und Milde einer Frau zu hören war, die ganze Epochen überlebt hatte.

In diesen Abenden, begleitet vom Duft des Tees und den Klängen des Klaviers, entstanden Ideen, Freundschaften und Bücher, die den geistigen Charakter Belgrads zwischen den Kriegen prägten.

Werke von Isidora Sekulić

  • Saputnici – 1913
  • Pisma iz Norveške – 1914
  • Iz prošlosti – 1919
  • Đakon Bogorodičine crkve – 1919
  • Kronika palanačkog groblja – 1940
  • Zapisi – 1941
  • Analitički trenuci i teme I–III – 1941
  • Zapisi o mome narodu – 1948
  • Njegošu – knjiga duboke odanosti – 1951
  • Govor i jezik, kulturna smotra naroda – 1956

Deutsche Übersetzungen

Briefe aus Norwegen. Ausgewählte Texte aus den Jahren 1913 bis 1951

Autorin: Isidora Sekulić

Übersetzung und Herausgabe: Tatjana Petzer

Verlag: Friedenauer Presse, Berlin, 2019

ISBN: 978-3-932109-96-6

Quellen

Jovan Deretić, Geschichte der serbischen Literatur, Belgrad: Nolit, 1983

Miodrag Pavlović, Isidora Sekulić

Bearbeitet und zusammengestellt von Snežana Lalatović

Die Werke

Literarische Werke und Sammlungen

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„Die Weggefährten“ („Saputnici“) sind Isidora Sekulićs erste Erzählsammlung, veröffentlicht im Jahr 1913. In diesen Geschichten zeichnet die Autorin die inneren...

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