Überblick über die mündliche Tradition in epischen, lyrischen und lyrisch-epischen Formen.

„Gospa ministrica“ in Maribor: Was heutige Theater in Nušić noch erkennen
Fast neun Jahrzehnte nach dem Tod Branislav Nušićs gehören seine Komödien keineswegs nur der Literaturgeschichte an. Sie werden weiterhin gespielt, in neue Bühnensprachen übertragen und einem Publikum präsentiert, dessen Lebenswelt sich längst von jener seiner Beamten, Minister und kleinbürgerlichen Aufstiegsambitionen entfernt hat.
Eines der interessanteren Beispiele der vergangenen Spielzeiten kommt aus Maribor. Das Slowenische Nationaltheater Maribor brachte Gospođa ministarka in slowenischer Sprache unter dem Titel Gospa ministrica auf die Bühne. Die Inszenierung von Veljko Mićunović wurde am 20. November 2025 uraufgeführt, mit Ksenija Mišič in der Rolle der Živka. Für die slowenische Übersetzung und sprachliche Bearbeitung zeichnet Mojca Marič verantwortlich, Dramaturgie und Adaption stammen von Slobodan Obradović.
Gerade dieser Übergang von einer Sprache und einem Theaterkontext in einen anderen macht die Mariborer Inszenierung besonders interessant. Nušićs Text wurde nicht als museales Beispiel serbischer Komödientradition auf die slowenische Bühne übertragen. Vielmehr stellt die Inszenierung die Frage, was mit Živka Popović geschieht, wenn wir sie aus der Perspektive einer heutigen Gesellschaft betrachten, fast hundert Jahre nach der Entstehung der Komödie.
In der Begründung des Kurators des Sterijino pozorje, Nebojša Dugalić Goncić, die das SNG Maribor zitiert, wird gerade dieser Aspekt hervorgehoben: Živka ist in dieser Interpretation nicht nur eine Figur, über die man lacht, sondern auch ein Produkt des Systems und der Menschen in ihrer Umgebung. Die Aussicht auf Macht und gesellschaftlichen Aufstieg setzt ihre Verwandlung in Gang und legt zugleich eine Ordnung offen, in der Status, Zugehörigkeit und das Bedürfnis, „jemand“ zu sein, mehr zählen als persönliche Fähigkeiten.
Schon bald verließ die Inszenierung den Rahmen des Mariborer Repertoires. Beim 71. Sterijino pozorje in Novi Sad erhielt sie 2026 drei Sterija-Preise: Nevena Glušica für die Originalmusik, Zorana Petrov für das Bühnenbild und Leo Kulaš für die Kostüme. Wenige Wochen später, am 13. Juni, war Gospa ministrica auch bei den 50. Satiretagen „Dani satire Fadila Hadžića“ im Satiričko kazalište Kerempuh in Zagreb zu sehen.
Innerhalb einer einzigen Spielzeit führte der Weg derselben Inszenierung damit von Maribor über Novi Sad nach Zagreb: Nušićs serbischer Text in slowenischer Übersetzung, inszeniert von einem montenegrinisch-serbischen Regisseur, vor dem Publikum dreier unterschiedlicher Theaterlandschaften.
Auf die Frage von Slovobrücke, warum Nušić für das Mariborer Publikum heute wieder relevant ist, verweist Alan Kavčič vom SNG Maribor auf dessen Fähigkeit, mit den Mitteln des Humors gesellschaftliche Mechanismen sichtbar zu machen, die sich trotz veränderter Zeiten und Umstände erstaunlich wenig gewandelt haben.
„Seine Satire auf Macht, gesellschaftlichen Status, Ehrgeiz, Opportunismus und das Bedürfnis nach Anerkennung wirkt heute beinahe ebenso unmittelbar wie zu der Zeit, als sie entstand.“
Kavčič fügt hinzu, dass das Publikum in Gospa ministrica nicht nur mit der Welt von Nušićs Zeit konfrontiert wird, sondern im Lachen auch die Gesellschaft wiedererkennt, in der es heute lebt.
Nušić außerhalb Maribors
Die Mariborer Inszenierung ist kein Einzelfall. Im Januar 2025 brachte das Makedonski naroden teatar in Skopje Narodni poslanik (Der Volksabgeordnete) in einer Adaption und Inszenierung von Egon Savin auf die Bühne. Wenige Monate später wurde die Produktion zum 70. Sterijino pozorje eingeladen, wo das Ensemble des MNT mit einem Sonderpreis der Sterija für seine kollektive schauspielerische Leistung ausgezeichnet wurde.
Damit wurden bei zwei aufeinanderfolgenden Ausgaben des Sterijino pozorje Inszenierungen nach Nušić ausgezeichnet: 2025 Narodni poslanik aus Skopje und 2026 Gospa ministrica aus Maribor.
Eine andere Verbindung zu Nušić besteht in Sarajevo. Anlässlich seines hundertjährigen Bestehens brachte das Narodno pozorište Sarajevo 2021 eine neue Inszenierung von Protekcija auf die Bühne, in der Regie von Kokan Mladenović und einer Adaption von Milena Bogavac. Die Wahl des Stücks war kein Zufall: Die erste Aufführung von Protekcija an diesem Theater am 23. Oktober 1921 ist eng mit den Anfängen der Sarajever „Kuća na Obali“, des „Hauses am Ufer“, verbunden. Ein Jahrhundert später kehrte dasselbe Theater zu Nušićs Text zurück, nun in einer neuen Adaption und einer zeitgenössischen Bühnensprache.
Auch in Serbien ist Gospođa ministarka keineswegs nur ein Titel aus der Theatergeschichte. Die Inszenierung des Srpsko narodno pozorište in Novi Sad unter der Regie von Radoslav Milenković, die bereits am 24. Januar 2014 Premiere hatte, steht auch in der Spielzeit 2026/27 noch auf dem Programm.
Warum wird Nušić noch immer gespielt?
Der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg, politischer Ehrgeiz, Bürokratie, die Nähe zur Macht, familiäre Interessen und das kleinbürgerliche Streben nach Status gehören zu den Erscheinungen, die Nušić beobachtete und dem Spott aussetzte. Auch dem heutigen Publikum sind sie nicht völlig fremd.
Die aktuellen Inszenierungen zeigen jedoch noch etwas anderes. Nušićs Texte überschreiten weiterhin staatliche und sprachliche Grenzen. Die Mariborer Gospa ministrica gastiert auf Festivals in Novi Sad und Zagreb, Narodni poslanik aus Skopje wird beim Sterijino pozorje ausgezeichnet, während die Sarajever Protekcija zu einem Werk zurückkehrt, das eng mit den Anfängen dieses Theaters verbunden ist.
Nušić ist damit nicht nur ein Klassiker, dessen Stücke immer wieder neu inszeniert werden. Theater in verschiedenen Ländern der Region prüfen an seinen Komödien, wie viel von der von ihm beschriebenen Welt und ihren Mechanismen von Macht, Ehrgeiz und gesellschaftlichem Prestige noch immer wiederzuerkennen ist.
Die Frage lautet daher nicht mehr nur, ob Nušić noch gespielt wird, sondern was heutige Theater und ihr Publikum in seinen Texten als Teil ihrer eigenen Wirklichkeit erkennen.
Quellen
SNG Maribor, Gospa ministrica, podaci o predstavi i festivalskim gostovanjima.
Sterijino pozorje, programi i nagrade 2025. i 2026.
Makedonski naroden teatar, Narodni poslanik.
Narodno pozorište Sarajevo, Protekcija.
Srpsko narodno pozorište Novi Sad, Gospođa ministarka.
Odgovor Alana Kavčiča, SNG Maribor, za Slovobrücke, oktobar 2026
Foto: Peter Giodani / SNG Maribor

