Autor: Prof. dr. Robert Hodel

Leben und Werk des Schriftstellers Rastko Petrović

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„Unter den jungen Schriftstellern der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg war Rastko Petrović einer der extravagantesten. Die defätistische Stimmung der Modernisten, die Erschütterung traditioneller ethischer und ästhetischer Normen, der zweifelnde Geist, die Enttäuschung und das Erzittern vor dem Unbekannten fanden ihren Niederschlag vor allem im zerstörerischen, expansiven, expressiven Ausdruck seiner frühen Poesie und poetischen Prosa. In diesen Werken ist Petrović Dichter eines starken dionysischen Lebensgefühls, das zwischen zwei schmerzlichen und ruinösen Polen hin- und herpendelt: zwischen der fröhlichen, sinnlichen Ausgelassenheit des heidnisch-slawischen Paradieses und der düsteren Atmosphäre der Vernichtung, der Gewalt und des Todes..." (Jovan Deretić, Geschichte der serbischen Literatur, 1983).

„Der epische Kulturkode wird in der serbischen Literatur erst durch die Generation der Ästheten [Borisav Pekić, Danilo Kiš, Mirko Kovač u.a.] vollständig unterwandert, die den Prozess der Ästhetisierung der Tradition abschließen, den Momčilo Nastasijević und Rastko Petrović begonnen und Vasko Popa und Branko Miljković weitergeführt haben. [...] 'Der sechste Tag' misst die historische Situation mit nackten menschlichen Inhalten, die Geschichte wird nicht mythologisiert, sondern in ihrer ganzen Tragik aufgezeigt, sodass sie zur Metapher des Bösen wird" (Enver Kazaz, Der bošnjakische Roman im 20. Jahrhundert, 2004).

Elternhaus - ein Belgrader Kulturzentrum

Rastko Petrović wurde am 2. März 1898 als jüngstes von dreizehn Kindern der Mileva Zorić und des Dimitrije Petrović geboren. Das Elternhaus an der Ratarska 32, heute 27. März-Straße, stand am Rand des Bezirks Palilula, einem damaligen Vorort Belgrads. Zum Dreizimmerhaus gehörten ein geräumiger, grüner Innenhof und - am Fuß des Tašmajdan1 - ein Obst- und Weingarten. Da das ebenerdige Gebäude für die Familie zu klein war, be-wohnte sie ein zweites Haus in Resnik, einem Dorf südlich der Stadt. Beide Wohnsitze wurden im Zweiten Weltkrieg verwüstet.

Obwohl die Petrovićs nicht zur reichen Bürgerschicht gehörten, wurde die Ratarska 32 an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert zu einem der wichtigsten kulturellen Mittelpunkte der Hauptstadt, wo namhafte Persönlichkeiten der Kunst, Literatur, Politik und Wissenschaft ein und aus gingen. Das Fundament der Familie bildete die Gelehrsamkeit und die Liebe zur Kunst, Musik und Literatur.

Rastkos Mutter Mileva Zorić (1852-1912) war die Nichte des Politikers und Bürgermeisters von Novi Sad Svetozar Miletić (1826-1901) eines der einflussreichsten Serben Österreich-Ungarns in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie bekam eine höhere Schuldbildung ein für damalige Frauen seltenes Privileg - und wurde Lehrerin im zentralserbischen Čačak. Noch während ihrer Ausbildung schloss sie sich der „Vereinigten serbischen Jugend" (Ujedinjena omladina srpska) von Novi Sad an, die unter dem Slogan „Freiheit durch Aufklärung" (Prosvetom ka slobodi) eine panslawische und protojugoslawische Politik vertrat. Mit siebzehn begann sie an der Mädchengrundschule (Osnovna ženska škola) in Čačak als einzige Lehrkraft zu unterrichten. Ihre „romantisch-patriotischen Gefühle" und ihre „Liebe zum volksepischen und lyrischen Liedgut" übertrug sie auf ihre Schülerin-nen gleichermaßen wie auf ihre Kinder, die ihre Impulse in ein „persönliches, künstlerisches und politisches Engagement verwandelten" (10:35-36)².

Rastkos Großvater väterlicherseits Hadži Maksim Jovanović (1814-1884) wurde in der nordwestserbischen Rađevina im Dorf Nedeljice geboren. Da er früh seine Eltern verlor, kam er ins nahegelegene Kloster Tronoša, wo er die Schafe hütete und in der Klosterschule, die bereits der Sprachreformer Vuk Karadžić (1787-1864) besucht hatte, das Lesen und Schreiben erlernte. Noch in jungen Jahren vermittelten ihn die Mönche an einen betuchten Belgrader Bürger namens Petrović, der in Palilula einen Weinhandel und eine Kafana betrieb. Da Petrović keine Nachkommen hatte und mit seinem Gehilfen zufrieden war, adoptierte er ihn. Häufig unternahmen sie gemein-sam Handels- und Pilgerreisen, einmal auch zu den Heiligen Stätten nach Jerusalem, was Maksim berechtigte, wie muslimische Pilger die Fahrt nach Mekka, den Titel Hadží zu führen.

1846 heiratete Hadži-Maksim Marta Delina (1818-1888), die verwitwete Tochter der alteingesessenen Familie Čalmanac aus Zemun (dt. Semlin).

Auch Marta hatte eine höhere Schulbildung erhalten. In erster Ehe hatte sie eine Tochter geboren, mit Hadži-Maksim brachte sie sieben weitere Kinder zur Welt. Mit der Geburt der Anastasija 1849 ist auch erstmals der Familien-name Petrović belegt.

Am 6. September 1852 bekommen die Petrovićs ihr viertes Kind, Dimi-trije, Rastko Petrovićs Vater, und zwei Jahre später stirbt Maksims Stief-vater auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem. Maksim erbt den gesamten Besitz und zieht mit der Familie nach Palilula (8:24-26), wo er den Wein-handel und die Kafana, die nun „Bei Hadži-Maksim" (Kod Hadži Maksima) ge-nannt wird, weiterführt. Der wirtschaftliche Erfolg ermöglicht ihnen, 1861 in Palilula ein neues Haus zu bauen. Maksim führt die Reisetätigkeit seines Stiefvaters fort und vergrößert die Sammlung der Kunstgegenstände, Ikonen, Bilder und Bücher.

Nach vier Jahren Grundschule kommt Dimitrije (Mita) ans Belgrader Terazije-Halbgymnasium (terazijska polugimnazia). Im dritten Schuljahr, als das Fach „Freizeichnen" (slobodno crtanje) neu eingeführt wird, entflammt sein Interesse für die Malerei, die sein Leben wie auch das Leben seiner Kinder nachhaltig prägen wird. Auf sein Talent wird der Maler Steva Todo-rović aufmerksam, nachdem Mita nach Abschluss des vierjährigen Halb-gymnasiums in die neu gegründete „Realka", ein Gymnasium mit naturwis-senschaftlicher Ausrichtung, eingetreten ist. Todorović ermuntert seinen Zögling, nach dem ersten Schuljahr bei ihm einen dreijährigen Malkurs zu besuchen. Vater Hadži-Maksim willigt ein, lehnt jedoch den Vorschlag des Professors ab, Mita nach drei Jahren an die Münchner Kunstakademie zu schicken. Mit abgeschlossenem Malkurs und ohne Mittelschulabschluss tritt er, von seinem Vater zutiefst enttäuscht, im Herbst 1869 eine Stelle als Zeichenlehrer am Realgymnasium von Čačak an.

Zuletzt aktualisiert: 21. März 2026