Akt I - Versammlung am Vorabend des Pfingstfestes auf dem Lovćen

Deutsch
Das ״Tragen der Kreuze“ deutet auf eine ״Flurprozession“ im Rahmen der Kirchenpatronfeier; vgl. Anm. zu V . 1310.
Lovćen: Berg, der sich unmittelbar bei Kotor steil über die Bucht erhebt und im Gipfel Stirovnik eine Höhe von 1753 m erreicht. (Auf dem Lovćen befindet sich heute die Grabkapelle, in der — seinem Wunsche gemäß — die Gebeine des Dichters des ״Bergkranzes“ ruhen.)
Crkvine: Gipfel des Lovćen (Jezerski vrh). Der Name Crkvine läßt vermuten, daß hier schon früher eine Kirche stand (skr. crkva — Kirche).
Kleiner Liebfrauentag = Mariä Geburt; vgl. V. 446.
Reigen (kolo, horo, oro): der bei allen Balkanvölkern beliebte Rundtanz, zu dem in Montenegro, Mazedonien usw. auch gesungen wird. Njegoš hat in seinen ״Bergkranz“ an fünf für den weiteren Gang der Handlung bedeutsamen Stellen ein solches ״Reigenlied״ eingeschoben, in dem das Volk, meist aus historischer Sicht, zur augenblicklichen Lage Stellung nimmt. Diese Lieder entfernen sich (wie gerade das erste Kolo) durch ihre anspruchsvolle Stilisierung der Geschichtsauffassung und -deutung vom Ausdruck des einfachen Volksliedes. Njegoš wollte darin den gesunden Volksinstinkt als treibende Kraft der historischen Auseinandersetzung zu Wort kommen lassen. Die Verm utung, daß ihn der Chor des griechischen Dramas angeregt hat, kann nicht ohne Vorbehalte hingenommen werden.
Blutsühne: Um im Falle der Blutfehde zwischen verschiedenen Sippen weitere Racheakte zu verhindern und die verfehdeten Sippen auszusöhnen, besteht als gewohnheitsrechtlicher Brauch eine Art Schiedsgerichts- bzw . ״Versöhnungs“ verfahren (umir) mit streng vorgeschriebenem Zeremoniell (vgl. Anm . zu V . 730— 733). Die Aussöhnung wird besonders durch die dam it verbundene Gevatterschaft der verfeindeten Sippen bekräftigt. In Montenegro ist die Blutradie seit etwa hundert Jahren durch strenge Maßnahmen der staatlichen Behörden außer Gebrauch gekommen, nachdem schon Njegošs Vorgänger, Peter I., und Njegoš selbst sie dank ihrer Autorität eingedämmt hatten.
Einleitung, Übersetzung und Kommentar von Alois Schmaus
