VIELLEICHT SCHLÄFT SIE
Vergessen habe ich heutfrüh ein Lied, Ein Lied im Traum, dem ich nachtlang lauschte:Daß ich es wiederhöre! Vergeblich habe ich's versucht, Als sei das Lied mein ganzes Glück gewesen. Vergessen habe ich heutfrüh ein Lied.
Im Traum, dem meinen, kannte ich nicht die Macht des Erwachens, Und daß der Erde Sonne und Morgenröte nottun;Daß am Tag die Sterne verbleichen; Daß des Mondes Verblassen das Ende der Nacht anzeigt, Im Traum, dem meinen, kannte ich nicht die Macht des Erwachens.
Kaum wird mir jetzt bewußt mein Traum. In ihm Augen, ein Himmel, Ein Gesicht, welches wohl?, mag sein eines Kindes, Ein altes Lied, alte Sterne, ein alter Tag, Kaum wird mir jetzt bewußt mein Traum.
An nichts mehr erinnere ich mich, auch an die Augen:War denn mein Träumen nichts als Schaum?, Oder waren diese Augen meine Seele, jenseits meiner selbst? Keine Arie, gar nichts, vom in der Nacht Geträumten! An nichts mehr erinnere ich mich, auch nicht an die Augen.
Aber ich ahne, und einzig ahnen kann ich noch.Ja, jetzt ahne ich, diese Augen sind es, Was mich wundersam durchs Leben führt und treibt: Im Traum kommen sie schauen, was mit mir ist, allein.Aber ich ahne, und einzig ahnen kann ich noch.
Gekommen, mich zu sehen, sind die Augen, und ich sehe dann Diese Augen, diese Liebe, und den Weg des Glücks; Ihre Augen, ihr Gesicht, ihren Frühling Sehe ich im Traum, aber jetzt, warum sehe ich es nicht? Gekommen, mich zu sehen, sind die Augen:
Und ihr vom Haar gekröntes Haupt mit einer Blume drin, Dazu ihr Blick, als ob der mir blüht, Und der mich anschaut und sagt, daß er mich fühlt, Und mich umsorgt mit Ruhe und Zartheit der Welt. Und ihr vom Haar gekröntes Haupt mit einer Blume drin.
Jetzt bin ich ohne meine Liebe, ohne ihre Stimme;Weiß nicht den Ort, wo sie lebt oder ruht;Weiß nicht, warum der Tag sie und den Traum verhüllt;Vielleicht schläft sie, und ihr Grab: ein Umriß der Trauer. Jetzt bin ich ohne meine Liebe, ohne ihre Stimme.
Vielleicht schläft sie mit Augen jenseits allen Bösen, Jenseits der Tatsachen, der Illusionen, jenseits des Lebens, Und mit ihr schläft, niegesehen, ihre Schönheit, Vielleicht lebt sie und wird kommen nach diesem Traum, Vielleicht schläft sie mit Augen jenseits allen Bösen.
Übersetzt von Peter Handke und Žarko Radaković